Kleine Bäume ganz groß

Bonsai-Arbeitskreis Inntal seit 23 Jahren fest in der Region verwurzelt

von Marisa Pilger

Kolbermoor/Landkreis – „Bäume wachsen nicht in den Himmel“ – Diese hierzulande sprichwörtliche Redensart hat wohl nicht Pate gestanden im Kaiserreich China, wo streng genommen die Wiege der Bonsai-Kunst steht. Und auch in der Region Rosenheim – von Langkampfen in Tirol bis nach Amerang und Feldkirchen-Westerham – ist die Liebhaberei für den „Baum in der Schale“ (von japanisch: bon – Schale; sai – Pflanze) längst fest verwurzelt.

Schon vor 23 Jahren hat sich in Pfraundorf der „Bonsai Arbeitskreis Inntal“ gegründet, der mit seiner diesjährigen Ausstellung in der Raublinger Gemeindehalle am 16. und 17. Juni das Hobby rund um die kleinen Bäume wieder groß herausbringt.

Längst beschränken sich die Bonsai-Liebhaber nicht mehr nur auf die in Japan heimische Mädchenkiefer (das Exemplar auf dem Foto ist rund 60 Zentimeter hoch). Neben heimischen Bäumen ist auch der Rosmarin (rechts) ein beliebtes Gestaltungsobjekt.

Längst beschränken sich die Bonsai-Liebhaber nicht mehr nur auf die in Japan heimische Mädchenkiefer (das Exemplar auf dem Foto ist rund 60 Zentimeter hoch). Neben heimischen Bäumen ist auch der Rosmarin (rechts) ein beliebtes Gestaltungsobjekt.

Bonsai sind keine spezielle Züchtung.“, räumt Heinz Zuschke gleich zu Beginn mit einem weitverbreiteten Irrglauben auf. Werden die Pflanzen nicht mehr in der Schale gezogen und gestaltet, wächst sich ein Bonsai auch noch nach Jahren zur Größe eines „normalen“ Baumes aus. Vor neun Jahren hat der Kolbermoorer den Vorsitz des Arbeitskreises von Alois Hemberger aus Raubling übernommen. Und immer wieder muss er gegen das Vorurteil der „Vergewaltigung der Natur“ ankämpfen, wenn die Sprache auf seine Leidenschaft kommt. Der Bonsai, erklärt er, werde zwar auf kleinstem Raum aber unter optimalen Bedingungen gehalten, mit dem Ziel, ein harmonisches Miniatur-Abbild der Natur nachzuempfinden.

Buddhistische Mönche hatten im 10. und 11. Jahrhundert die Bonsai-Kunst nach Japan gebracht. Auf der Weltausstellung in Paris wurde die fernöstliche Gartenkunst im Jahr 1878 erstmals einem westlichen Publikum vorgestellt und fand schließlich nach dem Zweiten Weltkrieg Liebhaber auf dem ganzen Erdball.

Nur durch den regelmäßigen Rückschnitt, der das Dickenwachstum reduziert und zugleich die Verzweigung fördert, wird ein Baum zum Bonsai und bleibt klein. Äste, die sich überkreuzen oder gegenständig angeordnet sind, werden entfernt, ebenso wie zu dünne Triebe aus dem Stamm. Auch die Wurzeln – und bei Bedarf die Blätter – müssen sich von Zeit zu Zeit einer Behandlung unterziehen. Zuschke: „Wirklich fertig ist ein Bonsai nie“.

Bis zu 1,30 Meter und mehr ragen die Zwei-, Drei- oder gar Vier-Mann-Bonsai (je nachdem, wieviele Hände zum Transport anpacken müssen) in die Höhe, während der „Bonsai für eine Hand“ gerademal 20 bis 40 Zentimeter misst. Als kleinste Art gilt der Miniaturbonsai, der manchmal auch Taschenbonsai genannt wird; vier bis fünf Exemplare von ihm haben auf einer Hand Platz.

Unkundigen stoße besonders das Drahten und Spannen sauer auf, weil Äste mithilfe von eloxiertem Aluminiumdraht in eine bestimmte Richtung „gezwungen“ werden, weiß Zuschke. Doch nur mit viel Geduld und durch das „ständige Miteinander von Pflanze und Mensch“ entstünden die augenfälligen Bonsai-Formen, deren Klassifizierung reicht von „streng aufrecht“ (Chokkan) und „frei aufrecht“ („Moyogi“) über „windgepeitscht“ (Fukinagashi) bis hin zur „Besenform“ (Hokidachi) und „Kaskade“ (Kengai). Sogar ganze Wälder en miniature (Yose-ue) können entstehen, wenn Bäume unterschiedlichen Alters in einer Schale arrangiert werden.

Egal ob Freilandbäumchen oder Zimmerpflanzen. „Wirklich fertig ist ein Bonsai nie.“, betont Heinz Zuschke, der Vorsitzende des Bonsai-Arbeitskreises Inntal. Fotos: Pilger

Egal ob Freilandbäumchen oder Zimmerpflanzen. „Wirklich fertig ist ein Bonsai nie.“, betont Heinz Zuschke, der Vorsitzende des Bonsai-Arbeitskreises Inntal. Fotos: Pilger

An „Rohstoffen“ mangelt es den Bonsai-Liebhabern dabei nicht: Längst beschränkt sich das Repertoire nicht mehr nur auf die in Japan heimische Mädchenkiefer oder den Chinesischen Wacholder. Zuschke: „Bonsai können aus fast jedem heimischen Baum gestaltet werden.“ – egal ob Feldahorn, Esche oder Kastanie, ob Apfelbaum oder Lärche. Jungpflanzen und Ableger eignen sich zum Formen ebenso wie Sämlinge. Die Königsdisziplin aber ist die Gestaltung von „Yamadori“, von verkümmerten Findlingen, wie man sie etwa in Felsspalten im Gebirge entdecken kann.

Knapp 40 Mitglieder zählt der Arbeitskreis Inntal heute. Doch, schmunzelt Zuschke, sei die Dunkelziffer der Bonsai-Fans viel höher. Schon oft habe er erlebt, dass sich Menschen im Gespräch mit einem Gleichgesinnten zu ihrer heimlichen und beileibe nicht kostspieligen Leidenschaft bekannt hätten, die vielerorts aber nur belächelt werde.

Kindern unterdessen sind Berührungsängste mit Bonsai offenbar fremd: Der Schnupperkurs, den der Arbeitskreis seit Jahren im Raublinger Ferienprogramm anbietet, erfreut sich jedenfalls größter Beliebtheit.

Der „Bonsai Arbeitskreis Inntal“ trifft sich jeden dritten Montag im Monat ab 19.30 Uhr im Huberwirt in Raubling. Neueinsteiger und Interessierte sind herzlich willkommen.