Im steten Auf und Ab zwischen Fels und Brücke

Going to San Francisco – Ein Streifzug durch die Westküsten-Metropole

von Marisa Pilger

Bett, Toilette, Waschbecken, Stuhl, Tisch – äußerst karger Standard auf engstem Raum in den Zellen von Alcatraz.

Bett, Toilette, Waschbecken, Stuhl, Tisch – äußerst karger Standard auf engstem Raum in den Zellen von Alcatraz.

San Francisco – Beklemmung schleicht mit beim Bummel über den Broadway. Bis hinunter zum Times Square rastern Gitterstäbe das Bild. In der Michigan Avenue sieht’s nicht besser aus: Stahlstrebe reiht sich an Stahlstrebe – und Zelle an Zelle; 336 vergitterte Lebensräume; 1,5 auf 2,7 Meter große Käfige. Mehr als 1500 Schwerverbrecher wurden hier zwischen 1934 und 1963 weggesperrt. Heute strömen jährlich mehr als eine Million Besucher nach Alcatraz, das nicht nur für das einstige Hochsicherheitsgefängnis bekannt ist sondern auch für seine ausgedehnten Vogelbrutgebiete.

Die wechselvolle Geschichte der 85.000 Quadratmeter großen Sandsteininsel – Standort des ersten Leuchtturms an der US-amerikanischen Westküste, militärische Festung im 19. Jahrhundert und von amerikanischen Indianern besetztes Territorium in den 1960er Jahren – ist dabei auf Schritt und Tritt präsent.

Mehr als ein stählernes Bettgestell, eine dünne Matratze, ein Waschbecken, eine Toilettenschüssel und ein kleiner Klapptisch samt Stuhl war auch für „prominente“ Häftlinge wie Al Capone oder George „Machine Gun“ Kelly nicht drin. Schließlich hieß es in der Gefängnisverordnung: „You are entitled to food, clothing, shelter and medical attention. Anything else that you get is a privilege.“ (Du hast einen Anspruch auf Essen, Kleidung, Obdach und medizinische Versorgung. Alles andere ist ein Privileg). Wer also im Innenhof Handball spielen wollte, Bücher ausleihen oder Post empfangen, dem blieb gar nichts anderes übrig, als die mehr als 50 Regeln akribisch zu befolgen, nichts an die Wand zu hängen und das Handtuch gefaltet ins Regal zu legen. Bei besonders guter Führung war hinter den Gittern von Alcatraz sogar ein Fernstudium möglich.

Wer aber nicht spurte, landete in Block D, im Gefängnis im Gefängnis. Und von seiner Isolationszelle aus hatte so mancher Häftling die Skyline von San Francisco zum Greifen nah vor Augen. Besonders Aufmüpfige wurden ins abgedunkelte „Hole“, ins Loch gesteckt, oder gar in die „Strip cell“. Das Grauen in totaler Dunkelheit und Stille lässt sich in einem halbminütigen Selbstversuch beim Rundgang durchs „Cell House“ aber allenfalls ansatzweise erahnen.

Und ein Entkommen gab es nicht; offiziell verlief jedenfalls kein einziger Fluchtversuch durch das eiskalte Wasser der Bucht erfolgreich. Dabei dauert der Schiffstransfer zur Fisherman’s Warf, dem pulsierenden Hafenviertel rund um das Krabben-Logo, gerade einmal 15 Minuten. Musiker, Luftballon-Künstler, Sprayer und natürlich die Jogger, die sich zu jeder Tageszeit durch das Menschengewühl am Embarcadero pflügen, gehören hier fest zum Straßenbild – ebenso wie die riesigen ausgehöhlten Sauerteigbrötchen, aus denen die Clam Chowder, die traditionelle Muschelsuppe, gelöffelt wird. Die Seelöwen, die sich unweit des ganzen Trubels genüsslich auf den Bootsstegen am Pier 39 aalen, muten da schon fast ein bisschen an wie der vielzitierte Fels in der Brandung.

Wenngleich sie damit nicht ganz so ausdauernd sind wie die „Red Lady in Steel“, die sich nur ein paar Meilen entfernt majestätisch über die gefährlichen Strömungen am Goldenen Tor zwischen Pazifik und Bucht spannt. Mit Sirenengeheul und Glockengeläut wurde die 2737 Meter lange Golden Gate Bridge im Jahr 1937 als die seinerzeit längste Hängebrücke der Welt eröffnet. Den Superlativ hat das orangefarbene Wahrzeichen inzwischen zwar verloren, nicht aber seine Anziehungskraft: Eine Überquerung gehört beinahe zum Pflichtprogramm für jeden San-Francisco-Besucher – und eine Überquerung mit dem Fahrrad zur krönenden Kür.

Skyline mit Kontrasten: Viktorianischer Zuckerbäckerstil und moderne Architektur in Glas und Beton

Skyline mit Kontrasten: Viktorianischer Zuckerbäckerstil und moderne Architektur in Glas und Beton

Doch die lebensfrohe Multikulti-Metropole, in der bittere Armut und extremer Reichtum so dicht beieinander liegen, hat deutlich mehr zu bieten als „The Rock“ und „The Bridge“: Union Square und South of Market, Chinatown und Little Italy, Russian Hill und Japanese Tea Garden, Coit Tower und Presidio, das Schwulenviertel Castro und die Hippie-Hochburg Haight-Ashbury – die Liste ließe noch lange fortsetzen. Erkunden lässt sich die 800.000-Einwohner-Stadt mit ihren 43 Hügeln dabei nur im steten Auf und Ab, und zwar am besten zu Fuß, mit dem Rad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln wie den legendären Cable Cars – atemberaubende Ausblicke inklusive.

Einige Tage reichen für die viertgrößte Stadt Kaliforniens allerdings nicht aus. Dafür hat die Wiege der Flower-Power-Bewegung mit ihren modernen Glas- und Stahlbauten auf der einen Seite und den viktorianischen Holzhäusern im Zuckerbäckerstil auf der anderen einfach zu viel zu bieten.

Postkutschen bestimmten das Straßenbild zur Zeit des legendären Goldrausches

Geschichtsunterricht zu Wasser und zu Land beispielsweise: Das Wells Fargo History Museum etwa wartet mit einer lebendigen Zeitreise in den Wilden Westen auf, als der Gold Rush die Einwohnerzahl des Städtchens zwischen Januar 1848 und Dezember 1849 von 1.000 auf über 25.000 in die Höhe schnellen ließ; als sich der Geschäftsmann Joshua Abraham Norton 1859 selbst zum „Kaiser der Vereinigten Staaten“ ernannte; und als die Postkutschen des von William Fargo und Henry Wells im Jahr 1852 gegründeten Transport- und später auch Finanzdienstleistungsunternehmens weit über die Grenzen Kaliforniens hinaus zum Straßenbild gehörten.

Eine Oase der Beschaulichkeit im Stil einer antiken Tempelanlage: Der Palace of Fine Arts im Marina District.

Eine Oase der Beschaulichkeit im Stil einer antiken Tempelanlage: Der Palace of Fine Arts im Marina District.

Selbst das Altertum kommt hier, Tausende Meilen von Bella Italia und Hellas entfernt, irgendwie zu seinem Recht: Der Palace of Fine Arts im Stil eines römischen oder griechischen Tempels wurde 1915 anlässlich der Panama-Pacific International Exposition, mit der die Stadt ihre „Wiederauferstehung“ nach dem verheerenden Erdbeben von 1906 feierte, ursprünglich mit Holz errichtet und später in Beton neu aufgezogen. Wie eine Oase der Beschaulichkeit ruht die Parkanlage heute im tosenden Großstadtlärm.

Wahrhaft geschichtsträchtiger Boden liegt derweil gleich gegenüber von San Francisco, am ehemaligen Militärstützpunkt in Alameda, fest vertäut am Pier. Sogar die ersten Mondfahrer haben hier, auf dem Flugzeugträger „USS Hornet“, ihre Spuren hinterlassen. Von 1943 bis 1970 stand der einstige schwimmende Flughafen im Dienst der US-Navy, war unter anderem im Zweiten Weltkrieg und im Vietnamkrieg im Einsatz. Bis zu 100 Flugzeuge konnte der graue Gigant mitführen; im Vergleich zu seinen jüngeren „Kollegen“ steht er mit seinen 270 Metern Länge und 58 Metern Breite allerdings eher klein da.

Ihre wohl berühmteste Mission aber erfüllte die Hornisse am 24. Juli 1969, als deren Hubschrauber die Astronauten der Apollo-11-Mission bei der Rückkehr von der Mondlandung aus dem Pazifik fischten – und Neil Armstrong, Edwin Aldrin und Michael Collins geradewegs in den Quarantäne-Container an Bord wanderten.

Nur dank einer Stiftung wurde der stählerne Koloss nicht verschrottet sondern zu einem imposanten Museum umfunktioniert. Mannschaftsunterkünfte, Küche, Besprechungsräume, Offiziersmesse, Maschinenraum, ja selbst OP-Säle in den schier endlosen Gängen unter Deck vermitteln einen kleinen Eindruck vom Leben und Arbeiten auf einem Kriegsschiff mit 3500 Mann (und Frau) Besatzung. Und oft sind es Veteranen, die als Tourguides auf die Kommandobrücke zurückkehren, wo selbst die Aschenbecher noch erhalten sind aus einer Zeit als „everybody smoked“, wie der Führer grinsend anmerkt.

Mit einem Meer von Heidelbeersträuchern auf dem „Huckleberry Hill“, dem von Seevögeln bevölkerten „Bird Rock“, dem endlosen Brausen der „Restless Sea“, exklusiven Golfplätzen und einer einsamen Zypresse eröffnet sich schließlich 120 Meilen weiter südlich eine ganz andere Welt. Rehricken mit ihren Kitzen spazieren in aller Seelenruhe den 17-Mile-Drive entlang durch die friedvolle Idylle des Zypressenwaldes, wo man auf mondänen Anwesen mit klangvollen Namen wie „Villa Eden del Mar“ residiert.

Die Berge, die Täler, der Pafizik – Nicht von ungefähr gilt der Highway No.1 als eine der „Traumstraßen“ der USA.

Die Berge, die Täler, der Pafizik – Nicht von ungefähr gilt der Highway No.1 als eine der „Traumstraßen“ der USA.

Aber schon hinter Carmel, auf dem Highway No. 1, der in den 1930er Jahren zum Teil von Strafgefangenen gebaut wurde, wechselt die Szenerie erneut: In unzähligen Kurven schraubt sich der Highway an den schroff in den Ozean abfallenden Klippen hinauf und führt über grandiose Brückenkonstruktionen wie die 1933 fertiggestellte Bixby Creek Bridge an der Pazifikküste entlang – um immer wieder unvermittelt in sattgrüne Hügellandschaften und dunkle Wälderschluchten mit gigantischen Mammutbäumen abzufallen. Und nur die Briefkästen entlang der Straße zeugen davon, dass die Gegend, wenn auch sehr spärlich, besiedelt ist.

Die Qualle mal als Hingucker: Das Monterey Bay Aquarium rückt die „jellyfish“ in ein ganz besonderes Licht.

Die Qualle mal als Hingucker: Das Monterey Bay Aquarium rückt die „jellyfish“ in ein ganz besonderes Licht.

Um so mehr tut sich unterhalb des Meeresspiegels – und im Monterey Bay Aquarium, gewissermaßen dem Abziehbild der Vielfalt im Unterwasserkosmos Bay. Mehr als 35.000 Tiere und 550 Arten beherbergt die Sammlung und Forschungsstation an der Cannery Row, wo bis vor 40 Jahren Sardinen eingedost wurden. In riesigen Bassins wogen nun meterhohe Tangwälder, Seeottern planschen um die Wette, und Pinguine flattern durch eine naturnah gestaltete Gezeitenzone; selbst die Quallen, die „jellyfish“, erscheinen hier einmal in einem ganz anderen Licht. Und durch ein 17 mal 5 Meter großes Acrylfenster lässt sich zumindest optisch in die „Open Sea“ eintauchen, wo silbern glitzernde Sardinenschwärme, weiße Haie, mächtige Thunfische und urzeitlich anmutende Mondfische in einem vier Millionen Liter Wasser fassenden Aquarium ihre Bahnen ziehen.

Die Konserven- und Fischmehlfabriken in der einstigen spanischen Kolonialhauptstadt sind inzwischen Restaurants und Souvenirläden gewichen. An die stinkende Fischindustrie vergangener Tage erinnert die Cannery Row jedenfalls kaum mehr; das Vergnügungspier an der Fisherman’s Wharf dafür ziemlich stark an jenes in San Francisco.