Fit fürs Radeln auf der Straße

Verein „Pro Arbeit“ organisiert Verkehrstraining für Asylbewerber an der Berufsschule Bad  Aibling

Bad Aibling – Rechts-vor-links, Stoppschilder und rote Ampeln beachten, dazu Handzeichen, Schulterblick und Einordnen beim Abbiegen nicht vergessen, auf den Gegenverkehr achten und am Zebrastreifen den Fußgängern Vorrang gewähren. Radfahren auf deutschen Straßen erfordert einiges mehr als nur im Sattel sitzen zu können. Aus diesem Grund werden die 33 Asylbewerber an der Berufsschule Bad Aibling in einer umfassenden Aktion fit gemacht fürs Radeln im Straßenverkehr.

Das Projekt, das Sabine Herrmann vom Verein „Pro Arbeit Rosenheim“ dort initiiert und gemeinsam mit Polizei und Berufsschule organisiert hat, soll dazu beitragen, Unfälle zu verhindern. Denn mit die größten Schwierigkeiten bereiteten den jungen Flüchtlingen – sie stammen zumeist aus Eritrea und Afghanistan, sowie aus Nigeria, Pakistan, Mali, Sierra Leone und Tansania – die Vorfahrtsregeln, wie die Sozialpädagogin bei den ersten „Trockenübungen“ in der Ausstellungshalle beobachtet hat. Eine Unwissenheit, die schlimme Folgen haben kann.

In einer umfassenden Aktion wurden die jungen Asylbewerber fit gemacht fürs Radeln auf der Straße.

In einer umfassenden Aktion wurden die jungen Asylbewerber fit gemacht fürs Radeln auf der Straße.

Entsprechend wertvoll war die Übungsstunde auf dem Parcours, auf dem jedes Jahr auch die Viertklässler ihre Radprüfung ablegen, für Nargiza. Die 25jährige besucht eine der beiden Vorklassen zum Berufsintegrationsjahr (BIJ/V); und für die Afghanin, die vor gut einem halben Jahr nach Deutschland gekommen ist, steht fest: „Ohne das Training würde ich hier bestimmt nicht Rad fahren.“ Noch ist sie zwar etwas unsicher, wenn sie lenken, bremsen und umschauen muss und dabei zugleich die Verkehrsregeln beachten soll. Doch sobald es das Wetter erlaubt, will Nargiza in Bad Feilnbach, wo sie nun lebt, weiter üben, irgendwann nach Bad Aibling radeln und später auch nach Rosenheim. „Denn jetzt weiß ich, wie ich mich verhalten muss, und ich weiß, wie sich mein Rad verhält.“

Auch das Radl-Reparieren war Bestandteil des Verkehrstrainings an der Berufsschule Bad Aibling.

Auch das Radl-Reparieren war Bestandteil des Verkehrstrainings an der Berufsschule Bad Aibling.

Die Schulung beschränkt sich indes nicht allein auf den praktischen Teil mit Martin Dinzinger, dem Verkehrserzieher der Polizeiinspektion Bad Aibling. In einem Reparatur-Workshop stand zudem der Drahtesel selbst im Mittelpunkt. Dort erfuhren die 18- bis 25jährigen, wann ein Fahrrad verkehrssicher ist. An den 20 Exemplaren, die der Weiße Rabe aus seinen Restbeständen für das Projekt günstig beigesteuert hat, konnten die BIJ/V-Schüler in den Werkstätten der Berufsschule mit Gabelschlüssel, Kettenöl und Flickzeug dann gleich selbst Hand anlegen. Und damit Klingel, Schaltung, Kette, Rücklicht und Reifen von vorneherein keine Fremdwörter waren, hatten sie zuvor mit ihren Lehrern neben den wichtigsten Verkehrsschildern auch eine Reihe Fahrradvokabeln gepaukt.

Für die Flüchtlinge bietet das Fahrrad oft die einzige Möglichkeit mobil zu sein; denn Busfahren ist teuer und die Verbindung auf dem Land meist ausgesprochen schlecht. Außerdem können sich die jungen Menschen, die in ihren Unterkünften in der Regel so gut wie keine Privatsphäre haben, durchs Radeln Freiräume schaffen – und auch mal kräftig Dampf ablassen, wenn sie in die Pedale treten, verdeutlicht „Pro Arbeit“- Sozialpädagogin Sabine Herrmann die „Nebenwirkungen“ ihres Projekts. Fürs Frühjahr schwebt ihr deshalb eine Auffrischungsstunde vor, sowie eine Radltour durch die Kurstadt in Begleitung eines Polizisten. Dann können die Radler aus Afrika und Asien das Gelernte gleich im „echten“ deutschen Straßenverkehr anwenden.

Zugleich könnte die Maßnahme, die aus Mitteln der Aktion Aufwind der beiden Rosenheimer Sparkassenstiftungen Zukunft finanziert wurde, durchaus Vorbildcharakter haben: Derzeit betreut „Pro Arbeit“ als Kooperationspartner an den vier Staatlichen Berufsschulen in der Stadt und im Landkreis Rosenheim rund 110 Asylbewerber und Flüchtlinge. Diese sollen und können während der sogenannten Berufsintegrationsjahre insbesondere Deutsch lernen. Betriebspraktika gewähren ihnen außerdem einen Einblick in verschiedene Berufsbilder.

Unternehmen, die entsprechende Praktikumsplätze zur Verfügung stellen können, erhalten weitere Informationen bei Sabine Herrmann (Telefon 08061/3887-210) oder Sandra Pawle (08071/922997-109) vom Verein „Pro Arbeit“.

pil