„Einfach menschlich“ – Die Sucht kommt auf leisen Sohlen daher

Eine etwas andere Präventionsausstellung gastiert in der Hochschule Rosenheim

von Marisa Pilger

Rosenheim – „Ist doch alles Scheiße!“ Michael G. (17) ist total genervt. Von der Schule, von den Lehrern, von seinen Eltern. Und dazu die Atmosphäre zu Hause! Freudlos, dumpf, beinahe wie tot. Der Vater arbeitet ständig, ist immer öfter gereizt oder aggressiv. Ansonsten sitzt er vor der Glotze und trinkt ein Bier nach dem anderen. Die Mutter daneben. Michael erwartet aber etwas anderes vom Leben, er will Spaß haben, gut drauf sein. Also wird am Wochenende gefeiert, gekifft und gesoffen. Dass er in der Schule absackt, ist ihm eigentlich egal, er hat sowieso keinen Bock mehr. – Und so wie sein Vater will er eh‘ nicht werden…

Michael ist in diesem Fall zwar nur ein lebensgroßer blauer Figurenaufsteller; doch seine kleine Geschichte auf dem weißen Blatt Papier spricht Bände. Und sie gibt Raum zum Nachdenken; etwa darüber, wo Sucht beginnt.

An anderer Stelle des Rundgangs driften die Besucher durch fließende weiße Stoffbahnen – am Grundsatz des Paracelsus vorbei, der bereits im 16. Jahrhundert erkannt hatte: „Allein die Menge macht das Gift.“ – ganz arglos vom Genuss zur Sucht hinüber. Die Früherkennung ist denn auch eines der zentralen Themen der Ausstellung „Einfach menschlich“, die noch bis Freitag, 26. Oktober, im R-Bau der Hochschule Rosenheim zu sehen ist.

Früherkennung ist eines der zentralen Themen der Ausstellung "Einfach menschlich" in der Hochschule Rosenheim.

Früherkennung ist eines der zentralen Themen der Ausstellung „Einfach menschlich“ in der Hochschule Rosenheim.

Uns geht’s nicht ums Dramatische.“, verdeutlicht Projektleiter Klaus Haschberger beim Besuch einer Berufsschulklasse das Anliegen dieser etwas anderen Ausstellung, bei der man großformatige Fotos von abgestürzten Fixern oder heruntergekommenen Säufern vergebens suchen wird.

Vor mehr als zehn Jahren hat der Regensburger Verein „Suchtprävention und Genesung“ die Ausstellung entwickelt; seither wird sie laufend aktualisiert. Rund 100 genesene Süchtige – Akademiker wie Arbeiter, Beamte wie Selbstständige – haben an der Präventions-Schau „Einfach menschlich“ mitgearbeitet und erzählen von ihren ganz persönlichen Erfahrungen im Teufelskreis Sucht. Ihre Gefühle und Ängste bringen sie an den verschiedenen Stationen anschaulich zum Ausdruck. Sie versuchen, Antwort auf Fragen wie „Woran erkenne ich die ersten Anzeichen einer Sucht?“ und „Was mache ich, wenn ich jemanden mit Suchtproblemen kenne?“ zu geben.

So zieht eine begehbare Suchtspirale die Besucher unweigerlich in ihren Sog: Was als Suche nach einem schönen und fröhlichen Leben beginnt, gerät nicht selten außer Kontrolle; aus einer anfänglichen Nebensache wie beispielsweise dem Alkohol wird die Hauptsache, und der Weg mündet unweigerlich in einem schwarzen Loch. Aber auch wer hier den Ausgang findet, ist längst nicht über den Berg. Denn nach dem Entzug liegt vor den Betroffenen ein langer und beschwerlicher Weg zurück ins Leben – gepflastert mit vielerlei Stolpersteinen wie Eigensinn, Ignoranz oder Selbstüberschätzung. Das Fazit: „Ohne Hilfe würden fast alle rückfällig.“

Fernsehen, Alkohol, Sex, Drogen, Hungern, Spielen – Die vielen Gesichter der Sucht bilden das dichte Geäst des Suchtbaums. Fotos: Pilger

Fernsehen, Alkohol, Sex, Drogen, Hungern, Spielen – Die vielen Gesichter der Sucht bilden das dichte Geäst des Suchtbaums. Fotos: Pilger

Ob Essen oder Hungern, ob Arbeiten oder Einkaufen, ob Sammeln oder Computerspielen, ob Lieben oder Schulden Machen – das weitverzweigte Geäst des großen Suchtbaumes demonstriert unübersehbar, dass Sucht erheblich mehr Gesichter hat als allein den zwanghaften Wunsch nach Zigaretten, Alkohol oder anderen Drogen. Ja selbst das Helfen kann zur Sucht werden.

Unterstützung brauchen allerdings nicht nur die Süchtigen. Denn nicht selten geraten Angehörige oder Freunde als „Komplizen wider Willen“ in eine Co-Abhängigkeit, versuchen mit allen Mitteln, die alles beherrschende Sucht ihres Partners/ Kindes/ Elternteils zu vertuschen, sie schämen sich und opfern sich in ihrer Hilfe für den Kranken auf. Dabei wissen die Macher der Ausstellung, die vom Regensburger Verein „Suchtprävention und Genesung“ entwickelt worden ist, aus eigener Erfahrung nur zu gut: „Manchmal ist die beste Art zu helfen, nicht zu helfen.“

Bei den angehenden Automobilkaufleuten jedenfalls, die in Selbsttests ihre eigene Suchtgefährdung ausloten konnten, stieß die Ausstellung auf ein positives Echo. Vor allem die Anwesenheit von Klaus Haschberger und Freia von Hennings als Betroffene – nicht nur bei der abschließenden Diskussionsrunde sondern auch während des Rundgangs – erachtete eine der Jugendlichen als besonders wertvoll. „Es ist toll, dass Ansprechpartner dabei sind.“