Ein Radl wie auf den Leib geschneidert

Mauro Sannino baut bei Iko in Raubling Maßrahmen aus Carbon

von Marisa Pilger

Raubling – Für fünf Rahmen kann Mauro Sannino die Rohre ablängen, dann muss er das Blatt an seiner Bügelsäge gegen ein neues austauschen; nach jedem fünften Loch stellt er sich an die Schleifmaschine und schärft den Bohrer. „Duro!“, erklärt der Italiener, „Hart!“, und meint damit aber nicht seine Arbeit sondern das Material, mit dem er in der kleinen Werkstatt im Iko-Gebäude im wahrsten Sinne des Wortes Maßarbeit macht. Denn seit einigen Monaten baut der 60jährige unter dem Markennamen „corratec handmade by Mauro Sannino“ millimetergenau auf den Fahrer angepasste Fahrradrahmen aus Kohlenstoff-Rohren. „Keine andere Weltmarke bietet das an.“, erklärt Konrad Irlbacher, der Geschäftsführer des Raublinger Sportartikel-Unternehmens.

Millimeterarbeit in Carbon: Zwei maßgeschneiderte Rahmen stellt Mauro Sannino an einem Tag in seiner Werkstatt im Raublinger Iko-Gebäude her. Foto: Pilger

Millimeterarbeit in Carbon: Zwei maßgeschneiderte Rahmen stellt Mauro Sannino an einem Tag in seiner Werkstatt im Raublinger Iko-Gebäude her. Foto: Pilger

Anhand von 13 Messungen (von der Armlänge über die Schulterbreite bis hin zur Schritthöhe), die Sannino bei seinen Kunden vornimmt, errechnet ein eigens von ihm entwickeltes EDV-Programm die individuelle Rahmengeometrie, je nach Bedarf für ein Rennrad oder ein Triathlonbike. Da bei Standard-Fabrikaten zwei bis drei Rahmenhöhen zusammengefasst werden und bei den „Sloop“-Designs lediglich mit der Sattelhöhe variiert wird, passen diese Rahmen kaum jemandem ideal, verdeutlicht Irlbacher.

Insgesamt mehr als 40 Parameter – etwa Länge und Neigung der Hinterbaustreben, Bodenfreiheit, Neigung des Gabelvorlaufs – sorgen dafür, dass jeder Rahmen ein Unikat darstellt, gleich einem Fingerabdruck. Die Muffen werden mit einem Spezialkleber verleimt, wie er auch in der Raumfahrttechnik und der Formel-1 verwendet wird. Zum Aushärten des Zwei-Komponenten-Klebers wandert der Rahmen nicht in den Ofen sondern bleibt für vier Stunden auf der Trockenmaske eingespannt. Und beim Lackieren wird auf jedem Rahmen der Name des Besitzers verewigt.

Sicherheit vor Stabilität vor Gewicht“ lautet die Devise des Rahmenbauers aus Turin, der dort ein eigenes Unternehmen hatte und mit dem Iko-Chef seit mehr als 20 Jahren geschäftlich verbunden ist. „No standard!“, betont Sannino, einer der ganz wenigen seiner Zunft, der bereits früher diverse Nationalmannschaften ausgestattet hat. Zwischen 1250 und 1480 Gramm wiegen die Rahmen aus dem „Schwarzen Diamant“, wie der Werkstoff wegen seiner dem Diamant ähnelnden Struktur auch genannt wird (Kostenpunkt rund 1850 Euro); aus Stahl würden sie ungefähr 1300 bis 1800 Gramm auf die Wage bringen.

Mit dem Projekt geht ein lange gehegter Traum Irlbachers in Erfüllung, Sanninos Wissen über den Stahlrahmenbau bei der Fahrrad-Marke „Corratec“ auf Carbon zu übertragen. 200 bis 400 Stück (vom Solo-Rahmen bis zum Komplettrad) sollen zunächst jährlich in Raubling gebaut werden.

Allein in den ersten drei Monaten gingen dort über 80 Aufträge ein; unter anderem vom Team Baier, Landshut, und einer 18köpfigen Profi-Equipe aus Italien, über dessen Namen man sich in Raubling noch ausschweigt. Auch der erste Wettbewerbseinsatz des „handmade“ war ein Erfolg: Beim „ironman“ in Klagenfurt radelte die amtierende Duathlon-Weltmeisterin Erika Csomor der Konkurrenz auf und davon.

Und weil der „telaista“, der Rahmenbauer, großen Wert darauf legt, dass seine Kunden zu ihm nach Raubling kommen, um sich vermessen zu lassen, soll Sanninos Werkstatt bald italienisches Flair erhalten, eine Cappuccino-Maschine eventuelle Wartezeiten versüßen.