Der „Hausarzt der Jugendhilfe“

Mitgliederversammlung bei „Pro Arbeit“ Rosenheim

von Marisa Pilger

Rosenheim – Ob Jugendsozialarbeit an Schulen (JaS) oder Ausbildungsvermittlung inklusive Nachbetreuung, ob die Koordination der über 30 ehrenamtlichen Qualipaten oder die Sprach- und Berufsintegration für junge Geflüchtete – auch im 20. Jahr seines Bestehens hat der Verein „Pro Arbeit“ ein enormes Pensum zugunsten junger Menschen geleistet, die nicht unbedingt zu den künftigen Leistungsträgern im  irtschaftsleben zählen.

So wurden im Bereich der JaS im Jahr 2016 allein 599 weitere Schülerinnen und Schüler – und damit 47 mehr als im Jahr zuvor – im Rahmen der Einzelfallarbeit betreut, wie der fachliche Leiter des Vereins, Michael Hannover, bei der Mitgliederversammlung ausführte. Rund ein Drittel der begleiteten Einzelfälle seien den örtlichen Jugendämtern bekannt und erhielten ambulante Unterstützung.

fest etabliertes bindeglied zwischen schule und jugendhilfe

„Immer mehr Eltern suchen Unterstützung bei der Erziehung ihrer Kinder.“, schilderte Hannover, der stellvertretend für den erkrankten Vorsitzenden Harald Neu den Jahresbericht vorstellte. Häufige Gründe hierfür seien Arbeitslosigkeit oder Trennung der Eltern, familiäre Konflikte, Überforderung aber auch Depressionen bei den Heranwachsenden. Die Jugendsozialarbeit verstehe sich dabei gewissermaßen als „Hausarzt der Jugendhilfe“; kleinere und mittelgroße Probleme können direkt von den Fachkräften behandelt werden. Bei massiven Schwierigkeiten stellten die Sozialpädagogen den Kontakt zu speziellen Einrichtungen wie Beratungsstellen oder Therapeuten her. Doch gerade die Eltern bei diesem Prozess mit ins Boot zu holen, erweise sich regelmäßig als große Herausforderung.

Dreimal zehn Jahre Engagement für Kinder und Jugendliche beim Verein „Pro Arbeit“: Der fachliche Leiter Michael Hannover, Katharina Huber (allgemeine Verwaltung) und Vermittlungscoach Alexander Halle-Krahl (von links) umrahmt vom „Pro Arbeit“-Vorstand mit dem Ehrenvorsitzenden Jürgen Krause (rechts) und Rosenheims Zweitem Bürgermeister Anton Heindl (Dritter von links).

Als fest etabliertes Bindeglied zwischen Schule und Jugendhilfe ist der Verein mittlerweile an 26 Schulen in der Stadt und im Landkreis – an Grundschulen ebenso wie an Mittel- und Berufsschulen sowie Gymnasien – mit sozialpädagogischen Fachkräften vertreten. Die Finanzierung erfolgt dabei zum größten Teil über das staatliche JaS-Förderprogramm. Aber auch Gemeinden, Schulverbände und Sponsoren tragen mit ihrer finanziellen Unterstützung entscheidend zum Fortbestand der Jugendsozialarbeit an Schulen bei.

Konstant hoch ist die Erfolgsquote im Bereich der Ausbildungsvermittlung, die insbesondere den schwächsten Jugendlichen wertvolle Hilfestellung auf dem Weg zu einer Lehrstelle gibt. So finden durchschnittlich rund 70 Prozent der betreuten jungen Menschen nach einer berufsintegrativen Maßnahme eine betriebliche Ausbildungsstelle oder nehmen eine sozialversicherungspflichtige Arbeit auf.

Über 70 Mittelschüler konnten zudem die ehrenamtlichen Qualipaten seit 2009 in Ausbildung bringen. Weitere 40 junge Menschen wechselten dank der Unterstützung ihrer ehrenamtlich tätigen Paten auf eine weiterführende Schule.

woche für woche werden 200 praktikumsplätze benötigt

Breiten Raum nimmt seit 2013 außerdem die Betreuung junger Geflüchteter ein. So haben die Fachkräfte von „Pro Arbeit“ im vergangenen Schuljahr 28 Berufsintegrationsklassen, zwei Sprachintensivklassen und zusätzlich ein Projekt zur Stabilisierung traumatisierter Geflüchteter an den Staatlichen Berufsschulen in Wasserburg, Bad Aibling und Rosenheim begleitet. Aktuell werden dort insgesamt 535 Geflüchtete betreut, für die die Fachkräfte Woche für Woche rund 200 betriebliche Praktikumsplätze zur beruflichen Orientierung finden müssen. Ohne die gute Vernetzung mit den regionalen Unternehmen, der Handwerks- und der Industrie- und Handelskammer sowie mit der Agentur für Arbeit wäre diese Aufgabe kaum zu stemmen, machte Hannover deutlich. Die Bedeutung des Themas Integration junger Geflüchteter spiegelte sich auch beim ersten, von Sandra Pawle organisierten, Fachtag im Frühjahr mit mehr als 80  Teilnehmern wider.

Was vor zwei Jahrzehnten mit Einzelprojekten an der damaligen Volksschule Fürstätt und der Hauptschule Mitte begonnen hat, ist inzwischen zu einem bedeutenden gemeinnützigen Verein, vergleichbar mit einem mittelständischen Unternehmen, angewachsen, unterstrich Schatzmeister Dr. Helmut Klarner den Stellenwert des Vereins, der fürs laufende Jahr mit Einnahmen von mehr als drei Millionen Euro rechnet. Doch trotz des starken Personalzuwachses auf derzeit über 80 Mitarbeiter fließen zu Klarners Freude nach wie vor rund 95 Prozent in die Projektarbeit und kommen damit direkt den jungen Menschen zugute.

Dass sowohl die Unternehmer als auch die Stadt Rosenheim die verlässliche Zusammenarbeit mit  dem Verein „Pro Arbeit“ als „wertvollen Beitrag für die, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen“, zu würdigen wissen, hatte Rosenheims Zweiter Bürgermeister Anton Heindl eingangs in seinem Grußwort deutlich gemacht.