Berge und Schlösser allein machen noch keinen Urlaub

Die Kommunen im Nachbarland Österreich agieren bei der Förderung des Tourismus geschickter als in Bayern

von Marisa Pilger

TEURER, unmoderner, unfreundlicher: Der Tourismus in Bayern hinkt dem in Österreich qualitativ immer weiter hinterher. Und das liegt nur zu einem kleinen Teil an der Gastronomie. Die politischen Rahmenbedingungen sind schlechter, es gibt mehr Bürokratie, aber auch die Kultur des Dienstes genießt im Nachbarland mehr Ansehen.

Was den landschaftlichen Erholungswert, mithin die touristische Hardware, angeht, braucht sich das „Produkt“ Bayern zwar vor seinem Nachbarn Tirol wahrlich nicht zu verstecken. Dank Seen, Berge, Königsschlösser und der sprichwörtlichen Gemütlichkeit hat sich der Tourismus im Freistaat – insbesondere im Alpenraum – längst zu einem gewaltigen Wirtschaftszweig entwickelt, der einer Statistik des Wirtschaftsministeriums zufolge weit mehr als eine halbe Million Beschäftigte zählt und jährlich gut 24 Milliarden Euro Ausgaben von Urlaubern verbucht. Doch immer noch mangelt es, anders als im nur einen Steinwurf entfernten Österreich, gewaltig an der Wertschätzung für diese Wachstumsbranche. Deutlich weniger bürokratische Hürden ebenso wie die Förderstrukturen verschaffen den Nachbarn deutliche Wettbewerbsvorteile. Auf deutscher Seite, egal ob zu Füßen des Kaisergebirges, im Inntal, auf dem Samerberg, im Chiemgau oder am Ufer des Chiemsees, sind sich die Touristik-Fachleute jedenfalls einig: Der Tourismus hat in Bayern (fast) keine Lobby; weder in der Bevölkerung noch in der Politik.

Die echte Gastfreundschaft fehlt.“, muss nicht nur Herbert Reiter, Leiter der Tourist-Info in der Grenzgemeinde Aschau/Sachrang immer wieder feststellen. Entsprechend fallen die Vergleiche aus, wobei der Teufel wie so oft im Detail sitzt: Kinderspielecken in bayerischen Gaststätten sind vielerorten ebenso Mangelware wie mehrsprachige Speisekarten, Bergwanderer suchen hier während des Aufstiegs oft vergeblich nach Ruhebänken, und eine einheitliche Beschilderung von Rad- und Wanderwegen lässt in Bayern immer noch auf sich warten. Doch gerade ein durchgängiges Konzept mit Kombipaketen (z.B. Hotelaufenthalt plus kostenfreie Nutzung von Bussen und ermäßigten Eintritt in Bäder und Museen) macht in den Augen von Reiters Kollegin Margitta Niederhuber, Touristik-Chefin in Nußdorf am Inn, „sehr, sehr viel aus“. So weisen etwa die Nachbarn den Inntalweg-Radlern auf ihrer Tour von Rosenheim nach Passau regelmäßig den Weg zu – österreichischen – Herbergen, während auf deutscher Seite entsprechende Tafeln größtenteils fehlen. Der Urlauber aber macht an der Grenze nicht halt – und der Wettbewerb ebenso wenig…

Bereits im Kindesalter werde jenseits des Schlagbaums mit Schulprojekten die Akzeptanz für das Thema Tourismus geweckt; und auch bei der Fachkräfte-Ausbildung seien die Österreicher noch einen großen Schritt voraus, fügt Ferdinand Reb, Geschäftsführer der Priener Tourismus GmbH, dem Bild ein weiteres Mosaiksteinchen hinzu.

Mit Fremdenzimmern im Stil der 50er Jahre kann kaum ein Betrieb in Grenznähe punkten, wenn nur wenige Kilometer entfernt, für den selben Preis, ein Flachbildfernseher und Internetanschluss geboten werden. Angesichts der hohen Abgabenlast bleibe jedoch vielen heimischen Hotel- und Pensionsbetreibern keine Luft für Modernisierungen. Unterm Strich, ist Werner Schroller, der Chef des „Kaiser-Reichs“, dem touristischen Zusammenschluss der beiden Inntal-Gemeinden Oberaudorf und Kiefersfelden, überzeugt, bleibe bei der Tiroler Konkurrenz einfach mehr in der Kasse. So müsse beispielsweise ein hiesiges 100-Betten-Haus allein an Rundfunkgebühren (GEZ) ein Vielfaches dessen berappen, was ein vergleichbarer Betrieb auf der anderen Seite der Grenze abführe.

Und noch ein Punkt komme den Tirolern immer wieder zugute: Ihre Geschäftstüchtigkeit. Mit dem Paket „Millionensuche“ hatte der Tourismusverband Kufstein beispielsweise prompt auf den Besucherandrang in dem Waldstück bei Ebbs reagiert, in dem die Beute aus der Unterschlagung eines ehemaligen Vermögensberater vermutet wurde.

Bei der Euregio Inntal, einer Informationsplattform der Landkreise Rosenheim und Traunstein, der Stadt Rosenheim und der Tiroler Bezirke Kufstein und Kitzbühel, will man nun grenzüberschreitende Kooperationen anschieben. Bereits vor Jahren, bis zur Umstrukturierung in Tirol, hatte beispielsweise die „Grenzenlos“-Gemeinschaft den bayerisch-tirolerischen Brückenschlag in Sachen Vermarktung erfolgreich bewerkstelligt. Allerdings warnt nicht nur Samerbergs Bürgermeister Georg Huber vor zu viel Aktionismus und vor allem vor zu viel Papier. „Wir sollten nicht zu viele Konzepte entwickeln.“ Viel mehr setzen die Touristiker auf den direkten Kontakt, auf projektbezogene Zusammenarbeit wie gemeinsame Veranstaltungskalender und Wanderführer und vor allem auf den Erfahrungsaustausch, etwa was die Öffnungszeiten von Bergbahnen anbelangt oder einen ansprechend gedeckten Frühstückstisch. Denn zweifelsohne sei Tirol hier „eine Länge voraus“.

Nachholbedarf aber hat gerade Oberbayern auch auf dem hochsternigen Hotel-Sektor und im Wellness-Bereich. Indes fehlen die Zugpferde in der Region, die „Leuchttürme“, wie es Huber formuliert. „Denn was“, fragt er, „nützt ein Masterplan, wenn sich kein Betreiber findet?“