Ein Haus für die Straßenkinder von Cochabamba

Verein „Sterne auf den Straßen Boliviens“ nimmt neues Projekt in Angriff

von Marisa Pilger

Rosenheim – Bittere Armut, Gewalt, Drogen und Prostitution bestimmen den Alltag der Straßenkinder von Cochabamba; viele haben noch nie eine Schule von innen gesehen. Seit 2007 sorgt der Rosenheimer Verein „Sterne auf den Straßen Boliviens e.V.“ dafür, dass diese Kinder in der südamerikanischen Millionenstadt eine Chance auf ein menschenwürdiges Leben bekommen. Und zum zehnten Geburtstag der Organisation hat der Vorsitzende Peter Weber einen ganz besonderen Wunsch: Ein eigenes Haus, für das er nun Sponsoren sucht.

Drei Generationen, ein Schicksal. Wie der kleine Viktor leben auch seine Mutter und seine Großmutter auf der Straße.

Pequeño Victor, der kleine Viktor, wurde auf der Straße geboren; ebenso wie seine 16jährige Mutter Carmen; und für seine Großmutter ist die Straße bereits seit 28 Jahren ihr Zuhause. Roberto floh im Alter von acht Jahren vor seinem gewalttätigen Vater auf die Straße; von der letzten Prügelattacke hat der heute 18jährige einen bleibenden Hüftschaden davongetragen. Erschütternde Schicksale, die bezeichnend sind für die Schicksale der rund 400 Kinder und Jugendlichen, um die sich die Fundación „Estrellas en la calle“ mittlerweile kümmert. Einheimische Sozialarbeiter hatten das Projekt, bei dem die Hilfe zur Selbsthilfe an erster Stelle steht, im Jahr 2005 ins Leben gerufen. Die Geldmittel kommen vom Förderverein „Sterne auf den Straßen Boliviens e.V.“; dieser hat sich aus einer Initiative in der Pfarrei St. Michael entwickelt, wo Weber dem Pfarrgemeinderat vorsteht.

Mit vier Teilprojekten, die eng miteinander verzahnt sind, versuchen die 20 Sozialpädagogen, Psychologen und Erzieher der Fundación – darunter drei ehemalige Straßenkinder, die dank Patenschaften und Spenden aus Deutschland studieren konnten – das Elend der Straßenkinder in der zentralbolivianischen Andenhochebene abzufedern, die im Winter in Abwasserkanälen schlafen und im Sommer, während der Regenzeit, unter Brücken:

vier projekte – ein ziel

Bei Coyera (Motivation) ermutigen Streetworker Kinder und junge Familien, das Leben auf der Straße hinter sich zu lassen. In einer zweiten Etappe steht Wiñana Heranwachsenden auf ihrem Weg (zurück) in ein „normales Leben“ zur Seite. Sie bekommen Unterstützung bei der Suche nach Wohnungs- und Arbeitsplätzen sowie beim Ausstieg aus der Drogensucht. Denn schon Kinder schnüffeln hier regelmäßig „Clefa“, einen billigen synthetischen Klebstoff, um der tristen Wirklichkeit wenigstens für einige Momente zu entfliehen. Mit verheerenden Folgen: Die Droge verursacht auf Dauer irreparable Schäden an Muskeln und Organen. Babys sind oft schon durch die Muttermilch belastet. „Ich habe Sechsjährige erlebt, die auf dem Wissenstand eines Kleinkindes waren.“, ist Weber noch heute erschüttert von seinen Besuchen in Bolivien, dem Armenhaus Lateinamerikas.

Unterstützung schon für die Kleinsten: Geregelte Mahlzeiten haben viele Kinder zu Hause nicht kennengelernt, weiß Peter Weber (Mitte).

Inty Kanchay (Prävention) kümmert sich um Kinder und Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen, die ohne Unterstützung unweigerlich in ein Leben auf der Straße abrutschen würden. Neben Hausaufgabenbetreuung stehen hier Sport- und Musikangebote auf dem Programm. Es gibt regelmäßige Mahlzeiten, die Schuluniform und -materialien werden bezahlt ebenso wie der Bus für den Schulweg. Außerdem legen die Betreuer ein großes Augenmerk auf die Körperpflege ihrer Schützlinge.

Bei Fenix erhalten bereits die Jüngsten Unterschlupf. In der Tagesstätte werden Kleinkinder in ihrer sprachlichen, motorischen und geistigen Entwicklung gefördert. Dort lernen sie grundlegende Dinge wie Zähneputzen und dürfen einfach „nur Kind“ sein. Zusätzlich werden die jungen Mütter im richtigen Umgang mit ihren Säuglingen angeleitet.

Hygiene und Körperpflege werden großgeschrieben. Bei Fenix lernen die Kinder grundlegende Dinge wie Zähneputzen. Fotos: privat

Wie die Kita sind auch einige andere Unterkünfte im Rahmen des für Bolivien typischen Anticrédico-Modells angemietet: Die Miete wird für zwei Jahre im Voraus gezahlt, angesichts des Zinsniveaus von über 20 % gewissermaßen als günstiger Privatkredit für den Vermieter. Der Mieter muss allerdings nach zwei Jahren wieder ausziehen – für die Fundación besonders fatal, denn deren Schützlinge werden aus der gewohnten Umgebung gerissen oder können, wenn die neue Unterkunft zu weit entfernt ist, gar nicht mehr betreut werden.

ehrgeiziges vorhaben

In einem eigenen Haus könnten unterdessen alle Einzelprojekte samt Büro und Wohnmöglichkeiten für die freiwilligen Helfer sowie eine Eisdiele oder ein Restaurant als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme dauerhaft unter einem Dach untergebracht werden. Allein für ein etwa 500 Quadratmeter großes Grundstück rechnet Weber mit rund 80.000 Euro; weitere 280.000 Euro sind für den Bau des Hauses veranschlagt. „Diese Zahlen sind für eine Stadt wie Cochabamba durchaus realistisch.“, versichert er. Weil dafür aber nicht in den laufenden Spendentopf gegriffen werden soll, sucht der Rosenheimer Verein nun Unterstützer für dieses ehrgeizige Vorhaben, das den „Straßensternen“ völlig neue Perspektiven eröffnen könnte.

Tipps für Förderer und Freiwillige

Weitere Auskünfte zum geplanten Hausbau, zu Fördermitgliedschaft und (Gehalts-)-Patenschaften sowie zur Möglichkeit eines Freiwilligen Sozialen Jahres in Cochabamba gibt es unter www.estrellasenlacalle.de

Das Spendenkonto des Vereins „Sterne auf den Straßen Boliviens“ lautet
DE22 7509 0300 002 3481 95 bei der Liga Bank eG.

Um zu verhindern, dass sich junge Menschen mit völlig falschen Vorstellungen und Erwartungen in einem Hilfsprojekt im Ausland engagieren, hat der Verein zudem an der Entwicklung von „Kuska – lernen helfen lernen“ – mitgewirkt, einem vom EU-Programm Erasmus+ geförderten Projekt. Ziel ist es, Interessierte besser auf ihre Auslandseinsätze vorzubereiten.

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